Merkel verspielt dieser Tage die Chance, erstmals in ihrer zweiten Amtszeit etwas Bedeutendes zu tun. Bisher hat sie Bedeutendes lediglich unterlassen.
Erst hat sie versäumt, Gauck selber vorzuschlagen. Jetzt muss sie damit leben, dass der Kandidat aller Deutschen (die Kommunisten der Linken mal ausgenommen) die parteipolitische Notlösung Wulff in den Schatten stellt. Gesicht wahren kann die CDU in dieser Situation eigentlich nicht. Es sei denn Wulff zeigt Größe und zieht die Kandidatur zurück. Aber das würde ihn ja beinahe wählbar machen.
Dass selbst in den Reihen der CDU viele Gauck für den besseren Kandidaten halten, wird deutlich, wenn man schon jetzt die Beschwörungsformel hört, Abweichlerstimmen aus Koalitionsreihen seien unvorstellbar. Schade eigentlich. Was für ein Demokratieverständnis steht denn da dahinter?
Merkel hat es versäumt, in Zeiten der Krise einen für das höchste Staatsamt vorzuschlagen, der als Bürger zu Bürgern spricht. Das kann Gauck, wie er heute auf der Pressekonferenz gezeigt hat.
"Die Würde des Amtes" wurde in den letzten Tagen ziemlich abgedroschen. Am Kontrast der Kandidaten wird deutlich, wie man diese Phrase verstehen kann: Einerseits als Bezeichnung für ein würdevolles Amt, das man, wenn man es zugespielt bekommen hat, entsprechend füllen muss. Köhler hat in diesem Sinne seinen Rücktritt begründet: Die Leute haben die Würde, die mir in diesem Amt zusteht, nicht geachtet. Deshalb gehe ich.
Andererseits aber kann man das Amt des Bundespräsidenten so verstehen, dass man ihm die Würde verleiht, die man selbst mitbringt. Gauck bringt die Würde mit, muss sie nicht verliehen bekommen. Das macht ihn zum Kandidaten aller Deutschen, während Wulff bloß der "geeignete Kandidat" ist.
| Next > |
|---|





