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michael schmidt-salomon: manifest des evolutionären humanismus

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Vor kurzem titelte der Spiegel-„Gott ist an allem Schuld" . Damit greift das Magazin eine Entwicklung auf, die sich parallel zur viel beschworenen ‚Rückkehr des Glaubens' vollzieht: Das erstarken eines modernen Atheismus, der bisher ein Nischendasein in Internetforen und religionskritischen Seminaren philosophischer Fakultäten geführt hat, erfährt durch die Titelgeschichte im Spiegel die Erhebung in den Adelsstand breitenwirksam präsentierbarer Kulturphänomene.

Michael Schmidt-Salomon legt mit dem "Manifest des evolutionären Humanismus" eine gut lesbare, von philosophischem Jargon freie Religionskritik vor. Der Philosoph geht davon aus, dass wir "in einer Zeit der Ungleichzeitigkeit" leben. "Während wir technologisch im 21. Jahrhundert stehen, sind unsere Weltbilder noch von Jahrtausende alten Legenden geprägt. [...] Wir verhalten uns wie Fünfjährige, denen die Verantwortung über einen Jumbojet übertragen wurde." (S. 7) Wir leben noch nicht in einem "aufgeklärten Zeitalter", wie es Immanuel Kant vorschwebte, sondern noch immer in einem "Zeitalter der Aufklärung" (I. Kant, Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?). Es bestehe sogar die Gefahr, so Schmidt-Salomon, dass wir "auf ein "Zeitalter religiöser Gegenaufklärung" zusteuern" könnten. (S. 82)


Um dieser Gefahr zu begegnen müssten die alten Weltbilder überwunden und neu gemalt werden. Die Elemente dafür sind Sinnlichkeit statt Über-Sinn (1), wissenschaftliche Erkenntnis (2) sowie eine befreite Ethik (3).


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1

Schmidt-Salomon plädiert dafür, den Sinn des Lebens im Leben zu suchen, nicht in einem künstlich konstruierten Jenseits. Denn sucht man den Sinn des eigenen Lebens in der irdischen Sphäre, ist Erfolg möglich. Man muss sich nicht auf die Suche beschränken, man kann selber Sinn schaffen, indem man sinnvolle Dinge tut. Sinn wird im Diesseits im wahrsten Sinn des Wortes sinnlich erfahrbar.


2

Ferner verteidigt der Autor das wissenschaftliche Erkenntnissystem. Zwar fügt die Wissenschaft den Menschen eine Kränkung nach der anderen zu: neben der klassischen Troika aus Kopernikanischer Kränkung (Der Mensch steht mit der Erde nicht im Mittelpunkt des Universums!), Darwinscher Kränkung (Der Mensch ist nicht die Krone einer Schöpfung!) und der tiefenpsychologischen Kränkung (Der Mensch ist nur teilweise Herr seiner selbst!) werden noch zehn weitere Kränkungen genannt. (S. 9ff.) Wirft man den religiösen Ballast über Bord, spürt man die befreiende Wirkung, die eine losgewordene Last bewirkt. Die Kränkung verliert das kränkende und wird zur Basis der sinnvollen Lebensgestaltung.


3

Schließlich räumt Schmidt-Salomon mit der Vorstellung auf, die Werte unserer modernen Gesellschaft basierten auf religiösen Vorgaben wie etwa den vielzitierten "Zehn Geboten". Er stellt fest, dass die "heiligen Texte" der "Hochreligionen" [...] weit unter dem ethischen Mindeststandard jeder halbwegs zivilisierten Gesellschaft stehen!" Er hält weiter fest, "dass die fundamentalen Rechte [...], die die Grundlage für eine moderne, offene Gesellschaft bilden, keineswegs den Religionen entstammten, sondern vielmehr in einem Jahrhunderte währenden säkularen Emanzipationskampf gegen die Machtansprüche dieser Religionen durchgesetzt werden mussten." (S. 70)


In Diskussionen mit Schülern der zehnten und elften Klassen ist der dritte Punkt der am heftigsten diskutierte. Es handelt sich dabei wohlgemerkt um Ethikschüler, die zum größten Teil areligiös aufwuchsen. Dennoch ist das Bild von den christlichen Grundlagen des westlichen Wertesystems in ihren Weltbildern tief verwurzelt. Dass diese Vorstellung allenfalls partiell zutrifft, lässt sich nur schwer vermitteln.

Vielleicht liegen die Gründe dafür in der Lebenswirklichkeit in unserer Gesellschaft begründet. Wer hat schon mit religiösen Fundamentalisten zu tun? Die gläubigen Menschen, die jeder in seinem Bekanntenkreis hat, sind "aufgeklärte Christen", die nie auf die Idee kommen würden, die Bibel beim Wort zu nehmen. Wirklich gefährlich für eine demokratische Gesellschaft sind nur diejenigen Gläubigen, die "ihr "Wort Gottes" tragischerweise mehrheitlich noch ernst nehmen." (S. 79)

 

 

Last Updated on Thursday, 01 January 2009 21:13